Moldau

Ein „sozialkritischer“ Wein-Reise Bericht aus Moldawien

Batin Mumcu - www.berlinerweinpilot.de

Foto: Batin Mumcu – www.berlinerweinpilot.de

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Foto: Gruppe tanzender Hare Krishna in Chisinau (Batin Mumcu – www.berlinerweinpilot.de)

„Identität verzweifelt gesucht!“

Wie heißt es jetzt richtig?

Moldau, Moldawien, Moldova, Moldava, Fürstentum Moldau, Moldau an der Bodwa, Moldava nad Bodvou, Republik Moldau, Republik Moldawien, Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik, Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik, oder Wulda?

Moldau ist doch der Fluss in Böhmen, … heißt nicht auch eine Region in Rumänien so? Gibt es nicht sogar „Das Lied von der Moldau“.  (Wunderschön gesungen von Gisela May. Unbedingt mal anhören, auch wenn es nicht ganz zum Thema passt.

„Ich mag die Variante mit „Moldawien“, das klingt leicht nach Transsilvanien und hat Wien im Blut!“ (Zitat: Batin Mumcu)

Zurück zum Thema. Ja, es gibt Wein in Moldawien und ja, der Wein ist sauber und zugänglich für den europäischen Gaumen, und dazu noch relativ günstig. Bedingt durch Moderne und zeitgenössische Anbau und Ausbau-Methoden und Computer gesteuerte Regulierung, stehen die Weine in Preis und Qualität auf Augenhöhe mit konventionellen Qualitätswein aus ganz Europa und der Welt.

Es war keine leichte Reise, aber sicherlich die politischste Reise, die ich bislang getätigt habe. Das Ergebnis ist ein „sozialkritischer“ Beitrag meiner Eindrücke von Land und Leuten. Die Erlebnisse waren nicht immer positiv, aber immer authentisch und ehrlich. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. Los geht´s …

„Lost in Translation“

In Eigenregie starte ich alleine, Anfang April, meine Wein-Reise in die Hauptstadt von Moldawien nach „Chisinau“. Oder doch eher Chişinău, Kishinev, Apartado? Egal, … nach Moldawien! Oder besser, einfach weg, raus aus Berlin! 😉

Wie auch immer, mir ist es wichtig, diese Reise alleine zu unternehmen. Nur so kann ich mich unabhängig der Wahrheit nähern. Meiner Wahrheit, um zu verstehen weshalb Wein aus Moldova/ Moldawien auf dem Weinmarkt in Europa nur eine untergeordnete Rolle spielt, und nahezu gar nicht vertreten ist. Unvorbereitet bekomme ich viele Eindrücke über Land und Leute, die mich nachdenklich stimmen.

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„Identität verzweifelt gesucht!“ 

Schon im Anflug auf Moldawien lässt sich unschwer erkennen, dass durch akribisch mosaikartig angeordnete Felder, die Landwirtschaft einen hohen Stellenwert hat. Industrie wie wir Sie aus Deutschland zum Beispiel von der Autoindustrie kennen, gibt es in Moldawien nicht. Somit stellten die Erzeugnisse der Landwirte die einzige Säule der „Industrie“ dar. Bedingt durch Herbst und Winter, dann leider auch nur über die Frühling und Sommermonate verfügbar.

„… genau vor unserer Nase, müssen die Menschen täglich um Ihr Überleben kämpfen“

Es müssen teure EU Lebensmittel oder Überlebensmittel, wie Obst und Gemüse (z.B. aus Spanien) importiert werden, um den langen Winter zu überbrücken. Im Gegenzug dazu, gibt es nix zum exportieren. Außer Wein! Haben Sie schon mal Wein aus Moldawien in den Wein-Regalen in Deutschland oder Europa gesehen? „Ganz toll gemacht liebes Europa!“ Unsere Regale quellen über, mit billig und in Massen produzierten Industrie „Bio“ Schrott-Wein aus Südamerika, aus Südafrika und sonstigen entlegenen Übersee-Ländern. Und genau vor unserer Nase, müssen Menschen täglich um Ihr Überleben kämpfen, und finden verzweifelt keinen Zugang in den übersättigten EU Markt.

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„…von der Hand in den Mund“

Umringt von der Ukraine, und im Westen an Rumänien angrenzend, findet Europa hier sein Krisengebiet. Wenn der Staat dem Bürger keine Perspektive bietet, dann fördert das die Egalität. Im Sinne von, „mir doch scheiß Egal“. Unbefahrbare Straßen mit endlos vielen Schlaglöchern, die nicht nur jedes Auto auf eine Überlebensprobe stellt. Grau in graue Häuser zeichnen das Stadtbild, die so heruntergekommen sind, dass mir die Worte fehlen. Bilder der Wendezeit von 1989 in Ostdeutschland kommen mir in Gedanken. Englische Sprache und Bildung in Form von Ausbildung und Förderung der Talente, sind Fremdwörter, für die es scheinbar auch kein Lexikon zu kaufen gibt. Das Resultat, viele junge Leute verlassen das Land, um eine Lebensperspektive in der Ferne zu finden, die an Wohlstand und Werte gebunden sind.

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Foto: Batin Mumcu – www.berlinerweinpilot.de

„Hallo! … hat hier jemand ca. 3,5 Millionen Menschen vergessen oder stehen gelassen?

Moldova ist mit ca. 120 000 ha. Rebfläche etwa so groß wie die Rebfläche in Deutschland. Dies scheint mir aber auch der einzig berechtigte Vergleich mit Deutschland. Sonst verhält sich der Ländervergleich, wie die zwei Seiten einer Medaille. Moldawien/ Moldau, so erscheint es mir, ist mit Abstand das ärmste Land in Europa. Zumindest das mit Abstand ärmste Land, das ich jemals in Europa besucht habe. Der Zustand und die Stimmung im Land sind gespalten,  so wie bei den zwei Seiten der Medaille eben. Der Zustand ist eher kritisch zu betrachten. Entweder oder? Pro-Russisch oder Pro-Europäisch sind hier die dominierenden Kräfte. Was Beide Strömungen verbindet, ist der Glaube an Gott. Ein orthodoxer Gott. Ob er helfen kann, wage ich zu bezweifeln?!

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„Befremdlich, aufregend und spannenden zugleich“

Ich war bei meinem Aufenthalt soweit so gut aufgehoben, und habe mich nie bedroht gefühlt. Ich wurde auch nie belästigt oder angemacht. Angemacht schon, aber nicht negativ 😉 Laut meiner Mobilen-Navigation, habe ich im Durchschnitt täglich über 10 km zu Fuß zurückgelegt und dabei ca. 1.000 Bilder mit der Kamera gemacht. So wie ich das bei allen Wein-Reisen tue, entdecke ich beim Spazieren durch die Straßen, Land und Leute, und forme dabei meine Eindrücke. Weiter habe ich täglich Weingüter im Norden, Süden und Osten des Landes besucht und dabei einige Wein-Bars am Abend gerockt. Ich schätze, ich habe so um die 50 verschiedenen Weine in 4 Tagen verkostet. Leider viele jener „Unkraut-Reben“ wie ich sie nenne. Ein Cabernet und Chardonnay Zug, auf den alle kurzweilig denkenden Weinländer setzen, um schnell International als Global Player mitzuspielen. Bedauerlich, das dabei die eigenen Schätze ignoriert werden. In diesem Fall großartige Weine mit autochthonen Rebsorten wie zum Beispiel. „Feteaska alba“ in weißer und roter Variante als „Feteaska neagra“.

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„Help Wanted! … aber bitte schnell!“ 

Wenn der Staat dem Bürger keine Perspektive bietet, dann kann dies auch die Eigeninitiative und Kreativität fördern. Der Wind weht heftig, das kontinentale Klima hier, ist rauer als man denkt. Doch gibt es Hoffnung, nicht alles ist schlecht. Die „einfachen“ Menschen in Moldawien sind sehr nett, herzlich und lieb!  Immer hilfsbereit und Gastfreundlich. Wieso eigentlich?

„Die zwei Seiten der Medaille“

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Foto: Filarmonca Chisinau                                     (Batin Mumcu – www.berlinerweinpilot.de)

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Foto: Philharmonie Berlin                           (Bildquelle: https://www.google.de/search?q=Philharmonie +berlin&source)

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Erbe der Next Generation“

Zum Ende meiner Reise, habe ich auch eine Antwort auf meine Frage bekommen: „Weshalb Wein aus Moldawien nicht in Europa gelistet ist?“ In vielen und langen Gesprächen mit einigen „New Generation“ Wein-Produzenten, die den sozialistischen Staub der Vergangenheit hinter sich lassen, und sich auch nicht zu sehr von Europa blenden lassen, kommt die Antwort.

Diese finden neue innovative Strategien zum Überleben. Jene suchen Ihren Absatz-Markt und finden diesen auch. Mit viel Mut zum Investment-Risiko, passen Sie Ihre Weine dem Weltmarkt an, und finden Ihre Kunden. Mit steigendem Absatz ist der Asiatische-Markt für Wein aus Moldawien viel wichtiger, als der völlig einseitige und gesättigte Käufermarkt in Europa. Der Weinmarkt in Europa mit seinem Protektionismus bietet dem Weinbau Produzenten aus Moldawien keinen Zugang in den Weinmarkt. Und wenn, dann nur vereinzelt als Nischenprodukt.

„Wind, Wetter, Sonne, Schnee und Regen, lässt sich hier scheinbar Zeitgleich nieder.“

Nachhaltigkeit in Sachen Weinbau, ist eines jener Fremdwörter von denen ich bereits gesprochen habe. Bio oder Biodynamischen Weinbau sucht man hier vergeblich. Das ist doch der eigentliche zeitgenössische Trend der Weinwelt, dachte ich? Warum ist das so, hab ich mich gefragt?

Die Antwort ist dann doch relativ einfach.  Es geht hier um das blanke Überleben. Nachhaltigkeit ist ein „Luxus-Model“ für reichte Länder. Der Absatzmarkt für Wein aus Moldau und der dazugehörige Wachstum, als Überlebensstrategie, liegt nicht in Europa. Wie bereits erkannt, sind die Asiaten wie wild auf Produkte aus Moldova. Scheinbar spielt Nachhaltigkeit auch da, nur eine untergeordnete Rolle? Überall in Moldawien begegne ich Asiaten. Beim schlendern durch die Stadt, im Museum, in Galerien, Wein-Bars und auf Weingütern. Wie verrückt kaufen Sie beim vorbeigehen fast alles was Sie sehen. Bilder, Skulpturen, Wein, Land und Leute. Scheinbar „all inclusive“! Kann das die Lösung sein?

Im Blog www.berlinerweinpilot.de folgen weitere Berichte zum Weinland Moldawien. Ein Besuch im Castel Mimi, Asconi Winery, Chateau Vartely, Cricova Winery und einem Bericht über diverse Hotspot´s in Chisinau mit einem Besuch in der Weinbar Embargo, Weinbar Carpe Diem (+Interview mit Ion Luca) uvm.

(Reisebericht Moldawien – Batin Mumcu www.berlinerweinpilot.de)

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Foto: Shopping Center Chisinau (Batin Mumcu – www.berlinerweinpilot.de)

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