Günther Jauch

Interview: Günther Jauch

Titel:

“Wer sagt eigentlich, dass der Euro beim Aldi weniger Wert ist als der Euro in der Sterne-Gastronomie?”

Günther Jauch ist mit unzähligen Fernsehformaten und Programmen unumstritten der deutsche TV-Moderator schlechthin und wahrscheinlich länger auf dem Fernsehbildschirm präsent als ich auf der Welt bin. Da ich seit über 20 Jahren bewusst gar keinen Fernseher mehr besitze, ist mir der „mediale Jauch“ gar nicht so gegenwärtig. Günther Jauch ist mir mehr als Weingutbesitzer beim VDP (Verband Deutscher Prädikatsweingüter) Weingut „Von Othegraven“ an der Saar ein Begriff. 2010 übernahm er den Betrieb von Heidi Kegel und konnte so dem Weingut „Von Othegraven“ in Kanzem, das seit 1805 in Familienbesitz ist, den Erhalt sichern und den Bekanntheitsgrad erhöhen. Das Weingut zählt zu den Topweingütern in Deutschland und der Mosel-Saar-Ruwer Region. Im VDP sind die „Von Othegraven“-Weinflaschen mit dem Traubenadler gekennzeichnet und gehören somit zur Weinelite in Deutschland mit einzigartigen Weinbergslagen. Der Gutswein „Max“ und diverse GG (Große Gewächse) wie „Altenberg“ und „Bockstein“ erfreuen sich großer Beliebtheit bei Endverbrauchern und Fachpublikum. Sicherlich ist dies auch ein Verdienst von Andreas Barth, der als Kellermeister für die Herstellung und den Ausbau der Weine verantwortlich ist.

Seit 2018 gibt es nun – einem allgemeinen VDP Winzer-Trend folgend – auch „Günther Jauch“-Weine, die im Aldi-Discounter gelistet sind. Günther Jauch vermarktet da einen als „Deutscher Wein“ klassifizierten Weiß- und Rotwein als Cuvée. Es sind nicht die VDP-„Von Othegraven“-Weine sondern jene unter seinem eigenen Namen „Günther Jauch“, die dort vermarktet werden. Ich frage mich eigentlich die ganze Zeit, ob und weshalb diese Meldung überhaupt eine Schlagzeile wert ist? Die Rede ist von Tafelwein, der als Deutscher Wein klassifiziert ist, also die unterste Kategorie überhaupt, die in Deutschland – so dachte ich bislang – gar nicht mehr existiert oder produziert wird.

Grafik: Deutsches Wein Institut

Begriffserklärung „Deutscher Wein“:
„Deutscher Wein“ ohne Herkunftsbezeichnung ersetzt seit der EU-Weinrechtsänderung vom 1. August 2009 den Begriff „Tafelwein“. Bei Weinen dieser Güteklasse dürfen neuerdings auch der Jahrgang sowie ausgewählte Rebsorten auf dem Etikett angegeben werden. Die Qualitätsanforderungen sind jedoch niedriger als die von Qualitäts- und Prädikatsweinen. Deutscher Wein muss ausschließlich aus heimischem Lesegut von zugelassenen Rebflächen und Rebsorten stammen. Hierzulande werden im Vergleich zu anderen Weinbaunationen nur geringe Mengen dieser Güteklasse erzeugt. (Textquelle: Deutsches Wein Institut)

 

Das „Günther Jauch“-Produkt bei Aldi löste eine Welle der Entrüstung und einen nicht enden wollenden Shitstorm in den sozialen Netzwerken aus. Da ich bislang kein persönliches Statement von Günther Jauch dazu lesen konnte und aus den vielen, oft zu primitiven Äußerungen und Kommentaren im Internet keine echten Informationen zum Wein geliefert werden, habe ich mich zu diesem Interview entschlossen. Mein Ziel war es, mehr über die Motivation und Hintergründe zum „Günther Jauch“-Wein beim Discounter zu erfahren. So entstand ein sehr spannendes Gespräch mit dem Starmoderator Günther Jauch über seinen „Aldi-Wein”, den Verband Deutscher Prädikatsweingüter, die Fußball WM und vieles mehr. Ich traf Günther Jauch in der Pfalz zur Veritable 18 im Aloisiushof in St. Martin im Weingut der Familie Kiefer. Hier ist das Gespräch, das ich Euch nicht vorenthalten will und

…los geht´s

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Weinpilot: Herzlichen Glückwunsch zu der vielleicht mit Abstand erfolgreichsten Wein-Marketingaktion in Deutschland im Jahr 2018. Bislang habe ich durchgehend nur Stimmen aus den Internetmedien vernommen, in denen Ihr Vermarktungsschritt zu Ihrem „Günther Jauch“ Weißwein Cuvée und Rotwein Cuvée bei Aldi teilweise sehr unfreundlich, ja sogar feindselig und weit unter der Gürtellinie zerrissen wurde. Können Sie mir erklären, weshalb so viele Menschen Anteil an Ihren Weinaktionen nehmen und warum das ganze Thema so hohe Wellen schlägt? Wie gehen Sie mit der Kritik um, und war die Aldi-Aktion als Marketingstrategie so gewollt?

Günther Jauch: Erst einmal zur Motivation. Das ganze war kein Schnellschuss, und ist insgesamt ein Jahr vorbereitet worden. Die ersten Gespräche fanden bereits bei der vorletzten ProWein statt. Angefragt war von Aldi eine Kooperation mit dem Weingut „Von Othegraven“. Das musste ich von Anfang an ablehnen, weil unsere Weine einfach nicht in das Aldi-Portfolio passen. Deshalb gab es nur die Möglichkeit einer klaren Absage. Aldi hat dann einen Gedankenaustausch vorgeschlagen, um eventuell andere Optionen der Zusammenarbeit zu erarbeiten. Da konnte ich mitgehen. Zusammen mit unserem Kellermeister Andreas Barth eine Cuvée rot und eine Cuvée weiß zu entwickeln, die ausschließlich aus vergleichsweise qualitativ richtig guten deutschen Weinen besteht – diese Aufgabe fand ich sehr reizvoll. Die Qualität hat allerdings ihren Preis: Mit 5,99 € pro Flasche sind wir für Supermarktverhältnisse schon fast im Hochpreisbereich.

„Das Ziel der ganzen Sache war, die Pionierarbeit für den „Deutschen Wein“ im Supermarkt zu leisten.“ 

Weinpilot: Natürlich habe ich Ihren „Günther Jauch“ Aldi-Wein in Vorbereitung auf unser Gespräch verkostet. Ich muss gestehen, mir fiel eine fachkundige Beurteilung sehr schwer, da ich als „verwöhnter“ Sommelier und Weinreise-Journalist gar keine Weine der Klassifizierung Tafelweine/ Deutsche Weine aus Deutschland mehr kenne und somit auch gar keinen Vergleichswein / kein Produkt benennen kann. Weiter muss ich gestehen, die Sparte „Deutscher Wein“ hat mich nie wirklich interessiert. Mir war gar nicht bewusst, dass es überhaupt noch Weine gibt, die in dieser Kategorie produziert werden. Was mir beim Verkosten der Weine, sowohl beim Weißwein als auch beim Rotwein, aufgefallen ist, dass der Wein gut gemacht ist. Also wie wir so schön in Fachkreisen sagen, es ist ein „gemachter Wein“. Da hat einer sein Handwerk verstanden. Um aus einem völlig wilden Lesegut einen glatten Wein ohne Ecken und Kanten zu produzieren, der trinkbar und süffig ist, bedarf es handwerklichen Geschicks. 

Günther Jauch: Auch in diesem Bereich ist es mit den entsprechenden Klassifizierungen nicht ganz einfach. Unser Ziel war, hochwertige Weine zu verwenden, zum Teil sogar aus Prädikatslagen. Gleichzeitig mussten wir die Qualität natürlich für die gesamte Menge kontinuierlich gewährleisten können. Meine langfristige Überlegung ist: Bei einer Qualität von fast sechs Euro besteht für den Verbraucher die Chance für eine Entwicklung nach oben. Erfahrungsgemäß gehen auch Einsteiger von 5,99 Euro nicht wieder auf 2,99 Euro zurück. Somit kann irgendwann auch der klassische Weinfachhandel von der Entwicklung profitieren. Kein Anfänger mit einem schmalen Geldbeutel startet mit einem Großen Gewächs. Ich will aber auch im Einsteigersegment schon Begeisterung für den deutschen Wein hervorrufen. Insofern ist das vielleicht auch ein bisschen Pionierarbeit. Dafür haben sich sogar Aldi Nord und Aldi Süd zusammen getan, um diese Weine flächendeckend in ganz Deutschland anbieten zu können. Weil ich ein großer Riesling Fan bin, war es mir wichtig, dass bei der Cuvée weiß eben der Riesling auch die dominierende Rebsorte ist. Beim Rotwein war für mich dagegen klar, dass ich in Deutschland im Wesentlichen auf Spätburgunder setze.

Foto: Batin Mumcu

Dass es da bei einigen erstmal reflexartige Reaktionen geben würde, war mir natürlich klar

Weinpilot: Also war die Partnerschaft / Kooperation bewusst als Aldi-Aktion gewählt, und es hätte nicht Edeka, Lidl, REWE oder Netto sein können?!

Günther Jauch: Aldi ist mit Abstand der stärkste Partner. Jede vierte Flasche Wein, die in Deutschland getrunken wird, kommt von Aldi. Außerdem: Das Qualitätsmanagement von Aldi gilt in der Branche als geradezu „gnadenlos“. Dem habe ich mich gerne unterworfen, und im Gegenzug hat Aldi meine Motivation für den deutschen Wein verstanden. Und nicht zuletzt freuen wir uns beide über den großen Erfolg beim Kunden.

Weinpilot: Können Sie nachvollziehen, dass der „kleine“ Weinfachhandel über diesen Aktionstrend verärgert ist?

Günther Jauch: Dass es da bei einigen erstmal reflexartige Reaktionen geben würde, war mir natürlich klar. Das ist auch völlig in Ordnung. Ich habe in der Kommunikation aber immer darauf geachtet, dass die Aldi-Aktion mit dem Weingut „Von Othegraven“ nicht das Geringste zu tun hat. Das konnte man auch überall nachlesen. Mittel- und langfristig werden auch die Weinhändler von dieser Aktion profitieren, weil sich der Verbraucher eher nach oben orientiert und dann irgendwann auch, und vor allem im höheren Preissegment, die Beratungskompetenz schätzt.

Weinpilot: Wissen Sie, wie viele Flaschen insgesamt produziert und von Aldi abgenommen wurden?

Günther Jauch: Das wissen Aldi und ich, und wir haben verabredet, dass das auch unter uns bleibt.

Weinpilot: Also repräsentiert Ihr Wein als Pionierwein die aktuelle Qualität der Klassifizierung „Deutscher Wein“ für den Supermarkt und Discounter im Preisleistungsverhältnis?

Günther Jauch: Was eine solche Kooperation angeht, bin ich gar kein Pionier. Vor elf Jahren hat sich Fritz Keller schon mit der Edition Franz Keller mit Aldi Süd zusammen getan. Damals war der Gegenwind viel größer als bei mir. Und inzwischen gibt es ja auch etliche andere VDP-Kollegen, die mit Aldi kooperieren. Aber nochmal: Für unser VDP Weingut „Von Othegraven“ haben wir uns ganz bewusst anders entschieden.

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Weinpilot: Sind noch weitere „Günther Jauch Wein“ -Aktionen geplant, ein Roséwein zum Sommer vielleicht?

Günther Jauch: Nein, da gibt es keine neuen Planungen.

Weinpilot: Hätten Sie sich auch, dem allgemeinen Nachhaltigkeits-Trend folgend, vorstellen können, einen Bio-, Natur- oder Orangewein zu produzieren? Wäre es nicht zeitgemäßer gewesen, solche Weine oder auch einen Demeter-zertifizierten Wein im Supermarkt zu listen?

Günther Jauch: Man kann sich immer vieles vorstellen. Wir haben jetzt diesen Weg gewählt und sind damit eben so zufrieden wie erfolgreich.

Weinpilot: Ein konventioneller Wein, der Ihnen gefällt?

Günther Jauch: Was meinen Sie mit „konventioneller Wein“?

Weinpilot: Weine jenseits von Gut und Böse!

Günther Jauch: Ganz schwierige Frage. Ich würde mich da ungern festlegen. Ich mag einfach Riesling und habe ansonsten immer viel Freude an neuen Entdeckungen. Im Restaurant lasse ich mich immer gern beraten oder wähle oft die glasweise Weinbegleitung. Auch auf die Gefahr, dass mir nicht alles schmeckt. Immerhin bin ich dann immer um eine Erfahrung reicher.

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Weinpilot: Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter goes Supermarkt? Worin liegt die Motivation begründet für diese allgemeine VDP-Aktionswelle und den Schritt in den Supermarkt? Ist das ein Spiel, geht es dabei um Langeweile, hat das etwas mit Risikolust zu tun, oder sind es niedrigere Beweggründe wie Geld und das Streben nach Ansehen und Macht?

Günther Jauch: Die Frage, ob ein VDP Weingut den entsprechenden Schritt gehen will, muss jedes für sich selbst beantworten. Es gibt sicher Kollegen, bei denen das passt. Aber für „Von Othegraven“ war das eben kein Thema.

Weinpilot: Wer sagt eigentlich, dass der Euro beim Aldi weniger Wert ist als der Euro in der Sterne-Gastronomie? Ich beziehe mich damit auf das Thema, dass sich kein Weingut nur durch die Listung in der Weinkarte der Spitzen-Gastronomie finanzieren kann, wenn im Monat dort gerade mal sechs Flaschen verkauft werden.

Es gab tatsächlich keine finanziellen Gründe für die Aldi-Aktion

Günther Jauch: Es gab tatsächlich keine finanziellen Gründe für die Aldi-Aktion. Das Weingut „Von Othegraven“ kann gut aus sich selbst heraus leben und sich finanzieren. Ich habe aber einen gewissen Ehrgeiz für den deutschen Wein entwickelt, da ich sein Ansehen im eigenen Land für total unterschätzt halte. Das fand ich immer schade. So entstand der Aufstieg des Riesling vor einigen Jahren zunächst in New Yorker Weinbars und Restaurants, in denen die Leute plötzlich auf deutschen Riesling abgefahren sind. Und dann denken Sie mal an die achtziger Jahre bei uns: da galt der Wein Prophet im eigenen Lande so gut wie nichts mehr und man konnte glücklich sein, dass der Trend aus Übersee dann geholfen hat. In einer Hinsicht geht es mir mit dem Wein genauso wie mit dem Fernsehen: Ich möchte auch beim Thema Wein so viele Leute wie möglich erreichen. Beim Fernsehen war der Ehrgeiz, am Sonntag-Abend so viele Menschen wie möglich für Politik zu interessieren. Solche Inhalte sind ja nach einem Tatort nicht jedermanns Sache. Aber es hat funktioniert: Weder vor noch nach „Günther Jauch“, wie die Sendung damals hieß, gab es mehr Zuschauer für so ein politisches Format. So würde ich gerne auch mehr Menschen für deutschen Wein begeistern. Dafür ist Aldi eine sehr, sehr gute Plattform.

Weinpilot: Die VDP-Weinexporte lagen 2017 bei etwa einem Viertel der Gesamtabsatzmenge, Tendenz steigend. Als wichtigste Exportmärkte erwiesen sich abermals Benelux, die USA und Skandinavien. Außerdem stehen Nationen wie China, Kanada und Russland zunehmend im Fokus der VDP Winzer. Ist der Weinexport ein Thema für „Von Othegraven“? Falls Ja, wieviel Prozent macht dieser aus, auch etwa ein Viertel?

Günther Jauch: Ja, grundsätzlich ist das so. Unser Exportanteil ist allerdings eher niedrig, weil wir „Von Othegraven“ Wein eben im Inland so gut verkaufen. Zugenommen hat vor allem das Geschäft mit Norwegen. Konstant und ordentlich läuft es mit Österreich und der Schweiz. Das Russland-Geschäft ist im Moment ein bisschen unruhig, dafür sind die Asiaten verlässliche Fans, insbesondere von restsüßen Riesling.

Weinpilot: Wie wichtig ist für Sie und Ihr Weingut die Digitalisierung der Weinbranche?

Günther Jauch: Die Digitalisierung spielt in unserem Weingut keine dominierende Rolle. Man kann über die Website vom Weingut natürlich mithilfe eines Bestellformulars als PDF Download ordern. Da sagen manche, dass das etwas rückständig sei. Wir kommen damit aber noch gut zurecht. Die Verkäufe über digitale Plattformen sind noch überschaubar.

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Weinpilot: Laut einer Pressemeldung vom Meininger Verlag der sich auf den VDP bezieht, sind die Durchschnittspreise der VDP-Weine pro 0,75-Liter-Flasche in allen vier Qualitätssegmenten erneut leicht gestiegen. Beim Gutswein wurde 2017 die 10-Euro-Grenze geknackt. Die Ortsweine liegen bei 13,20 Euro und die Erste-Lage-Weine erbrachten wie im Vorjahr 17,00 Euro pro Flasche. Bei den Weinen aus Großer Lage betrug das Wachstum sechs Prozent, es werden nun ca. 34,00 Euro je Flasche erzielt. Das ist doch ein Witz!? Im Vergleich zu Frankreich zum Beispiel: Einen Grand Cru (Großes Gewächs) Wein aus Burgund oder 1er Cru Classé aus Bordeaux werden Sie niemals für diesen Preis erhalten. Die Mosel und der Rheingau stellen doch die Speerspitze für Riesling in Deutschland dar. Da muss man doch in die Superlative gehen, gerade bei diesem Alleinstellungsmerkmal und einzigartigen Klima und Terroir. Was kostet Ihr Großes Gewächs und warum verkaufen Sie ihre Lagenweine so günstig?

International sehe ich für deutsche Spitzen-Rieslinge tatsächlich ein riesiges Nachholpotenzial

Günther Jauch: International sehe ich für deutsche Spitzen-Rieslinge tatsächlich ein riesiges Nachholpotenzial. Insofern stimmt es: die Preise sind zu niedrig. Dazu kommt noch: Wir sind nicht nur billiger als die Konkurrenz, sondern ganz oft qualitativ sogar deutlich besser. Es ist im Grunde unverständlich, dass deutscher Wein international nicht so entdeckt und bestellt wird, wie das zum Beispiel vor 100 Jahren mit unserem Wein von der Saar war. Meine Vorfahren erlösten pro Flasche zeitweilig dreimal mehr als die teuersten Weine aus Frankreich. Ein interessantes Phänomen ist bei den Österreichern zu beobachten: die verkaufen praktisch automatisch 80 % ihrer Weine im eigenen Land und das auch noch zu deutlich höheren Preisen. Die Österreicher hängen mehr an ihren Weinen als die Deutschen. Deutsche schauen immer nach Italien, Frankreich oder Übersee. Das zu bejammern ist aber sinnlos. Man muss einfach stetig daran arbeiten, und dann wird es Schritt für Schritt bestimmt auch weiter bergauf gehen.

Weinpilot: Finden Sie nicht auch, dass die Lagenweine aus Deutschland – gerade die Großen Gewächse – viel zu früh in den Handel kommen? Auf VDP-Präsentationen oder auf Messen, wie der ProWein in Düsseldorf, bekommt man unzählige Fassproben neuer Jahrgänge zu verkosten, von Wein, der noch gar keine Chance hatte, sich zu entfalten. Die besten Weine brauchen Zeit zum Reifen, auch in der Flasche. Sollte da nicht die Weinbranche und allgemein die ganze Getränkeindustrie anfangen umzudenken und Prädikats-Weine erst ab 1-3 Jahre Flaschenreife auf dem Markt präsentieren?

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

… großes Gewächs, dass am Anfang nicht verschlossen ist, wird vermutlich nie ein ganz Großes Gewächs werden (Zitat: Andreas Barth)

Günther Jauch: Da ist was dran. Wir stellen auch fest, dass viele sich beim Rotwein über jeden Jahrgang freuen, der möglichst weit zurück liegt. Und beim Weißwein fragen alle nach dem aktuellen Jahrgang. Was wollen Sie machen, wenn die Leute sagen: Wir möchten den Wein jetzt sehen, probieren und kaufen. Einerseits freue ich mich natürlich, wenn unsere Großen Gewächse ausverkauft sind. Andererseits: Wenn ich diese Weine nach 8, 10 oder 15 Jahren aufmache, realisiere ich erst, welches Geschmackserlebnis all denen entgeht, die vielleicht ein bisschen zu ungeduldig sind. Oder wie unser Kellermeister Andreas Barth zu sagen pflegt: großes Gewächs, dass am Anfang nicht verschlossen ist, wird vermutlich nie ein ganz Großes Gewächs werden.

Weinpilot: Jetzt sind eben die Weingüter gefordert, ein Zeichen zu setzen. Vereinzelt geschieht das ja schon. So habe ich bei Dr. Bürklin Wolf zur VDP Großes Gewächs Präsentation in Berlin auch einen 2003er, 1995er und 1983er Jahrgang verkostet, um die Entwicklung der Weine besser nachverfolgen zu können. Was kann man noch tun, damit dieser Strukturwandel umgesetzt wird, der dann auch mit einer Preiserhöhung in Verbindung stehen könnte? So hätten wir ja theoretisch zwei wichtige aktuelle Themen mit einer Aktion umgesetzt und sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Günther Jauch: Inzwischen ist mein erster Gedanke, wenn bei uns im Weingut Große Gewächse übrig bleiben, nicht mehr: Schade, dass wir sie nicht verkauft haben. Stattdessen sage ich: Gar kein Problem. Die legen wir weg und in fünf, acht oder zehn Jahren werden sie uns aus den Händen gerissen werden. Das Potenzial haben sie allemal. Und die restsüßen Qualitäten erst recht.

Weinpilot: Mit der Gewissheit, die Sie zu Recht haben, dass Wein mit zunehmender Zeit – sowohl finanziell als auch qualitativ – an Wert steigt, können wir aber die Revolution des Strukturwandels noch nicht gewinnen. Da müssen Sie mir schon einen konkreten Anhaltspunkt liefern, wie wir diese konstruktiv in die Tat umsetzen.

Günther Jauch: Ich will einräumen, dass ich gelegentlich mit dem Gedanken spiele – freilich nicht für die ganze GG-Kollektion auf einmal – vielleicht zumindest bei ausgewählten Lagen in einen Zwei-Jahres Rhythmus zu kommen. Das tut dann mal kurzfristig weh, aber später klopfen uns die Verbraucher dann umso mehr auf die Schulter.

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Weinpilot: Mit dieser Aktion machen Sie sich dann bestimmt auch wieder ganz viele Freunde :)!? Worin liegt für Sie der Vorteil oder Nachteil, ein Weingut in Deutschland zu besitzen? Können Sie sich vorstellen, ein Weingut in einem anderen Land zu erwerben?

Günther Jauch: Wer glaubt: „Jetzt kaufe ich mir einfach mal ein Weingut und dann wird das schon irgendwie laufen“ wird sehr schnell Schiffbruch erleiden. Gerade weil ich weiß, wie komplex die Dinge sind, kann ich mir ein Auslandsengagement eher nicht vorstellen. Zuletzt wurde mir ein Weingut in Neuseeland angeboten. Aber ich bin einfach sehr mit der Geschichte an der Saar verwurzelt und mit „Von Othegraven“ eben auch mit der eigenen Familiengeschichte.

Weinpilot: Ist die Datenschutzgrundverordnung das Unwort des Jahres 2018?

Günther Jauch: Es ist schon etwas mühsam und ein erheblicher bürokratischer Aufwand. Man kann nur hoffen, dass insbesondere Abmahnvereine, die lediglich Geld machen wollen und denen es nun wirklich nicht um die Datensicherheit des Verbrauchers geht, nicht fortwährend insbesondere mittelständische und kleine Betriebe so piesacken, dass ein normaler Kunden -Kontakt schlichtweg nicht mehr möglich ist.

Es bleibt eine gewisse Ironie der Geschichte, als „Die Mannschaft“ vermarktet zu werden und anscheinend während der Fußball-WM zu keinem Zeitpunkt tatsächlich eine Mannschaft gewesen zu sein.

Weinpilot: Wie lautet Ihr Fazit zur Fußball-WM und zum Ausscheiden der deutschen Mannschaft? 

Günther Jauch: Sicherlich schade, wie letztendlich verdient. Wenn sogar einige Spieler überzeugt sind, dass sie spätestens im Achtelfinale ausgeschieden wären, kann man sich über das Ergebnis auch nicht beklagen. Das müssen jetzt alle sportlich tragen und die Verantwortlichen entsprechend aufarbeiten. In der Niederlage muss man sich stärker bewähren, als wenn man als Sieger vom Platz geht. Es bleibt eine gewisse Ironie der Geschichte, als “Die Mannschaft“ vermarktet zu werden und anscheinend während der Fußball-WM zu keinem Zeitpunkt tatsächlich eine Mannschaft gewesen zu sein.

Weinpilot: Deutschland hat sich in den letzten Jahren einen heftigen Virus eingefangen, der sich flächendeckend durch alle Bereiche der Gesellschaft erstreckt. Sowohl die Wirtschaft, Politik und jetzt auch der Sport mit dem frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft sind davon betroffen. Deutschland läuft stark seiner Form hinterher. Das ist ein Fakt, der nicht zu leugnen ist. Worin, glauben Sie, liegt die Ursache für den Verlust der so wichtigen Werte, die dieses Land immer ausgezeichnet haben und die wir uns mühselig über Jahrzehnte aufgebaut haben? Wie lautet Ihre Zukunftsprognose für unser Land?

Günther Jauch: Das ist nun eine sehr umfassende und allgemeine Frage. Ich will mich jetzt an irgendwelchen Untergangsfantasien nicht beteiligen. Vielleicht nur so viel: Ich bin ein Riesenfan vom deutschen Mittelstand und glaube an die vielen „Hidden Champions“, die wir noch in Deutschland haben, die im Besitz einer Familie sind und – meist mit ruhiger Hand geführt – absolut innovativ die Erfolgsmarke Made in Germany verkörpern und weltweit wettbewerbsfähig bleiben. Im digitalen Bereich müssen wir allerdings tatsächlich aufpassen, nicht von Amazon, Facebook oder Google endgültig abgehängt zu werden. Es kann auch sein, dass der Zug tatsächlich schon abgefahren ist?!

 

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

 

Leider ist das Interview etwas zu Aldi lastig/ lästig ausgefallen. Ich hätte mich mit Günther Jauch gerne über weitere spannendere Themen unterhalten. Aber scheinbar, stellt dieses “Günther Jauch-Aldi-Thema”, durch die vielen negativen Reaktionen im Internet, eine Notwendigkeit und wichtige gesellschaftliche Debatte dar. Vielleicht liefert die “Günther Jauch-Aldi-Debatte” auch einen positiven Anreiz und somit ein konstruktives Beispiel, sich zukünftig mehr mit dem Sortiment und Qualität aller Klassifizierungen deutscher Weine zu beschäftigen?!

Weiter kann dies eine Chance sein, dem Wein aus Deutschland allgemein mehr Beachtung zu schenken, um nicht nur den Erhalt, sondern auch langfristig den Umsatz der vielen Familien und mittelständische Firmen in Deutschland zu sichern die ihre Existenz auf dem Weinhandel aufbauen. Weiter kann durch eine immerwährende Kommunikation der so wichtige Strukturwandel der Weinbranche weiter nach vorne gebracht werden, um die Veröffentlichung der aktuellen Jahrgänge der Lagenweine zu verzögern, die durch längere Flaschenreife an Wert steigen, um damit die notwendigen Preiserhöhungen für deutsche Weine allgemein zu fördern.

Vielleicht greifen auch Sie in Zukunft mal öfter im Weinregal beim Fachhändler oder Supermarkt, statt zu einem Wein aus Übersee, zu einer Weinflasche aus Deutschland. Riesling und Weißwein aus Deutschland ist unschlagbar gut und qualitativ weltweit hoch angesehen. Oder können Sie bei einer Blindprobe etwa einen deutschen von einem nicht deutschen Wein unterscheiden?

(Interview: Batin Mumcu mit Günther Jauch für www.berlinerweinpilot.de)

Foto: Frederic Groß für Berliner Weinpilot

Vielen Dank an Dorothea Sihler-Jauch und Günther Jauch!

Danke an das Team der Veritable18, die “Unkraut vergeht nicht” Sommelier-Legende Crazy Uwe Warnecke, Familie Kiefer vom Weingut Aloisiushof in St. Martin, Frederic Groß und seine junge Familie bei der ich eine Nacht verbringen durfte, und last but not least, ein Dankeschön an Philipp Arens (Hotel am Weinberg) und Martin Frank dem Geschäftsführer der Tourist, Kongress und Saalbau GmbH in Neustadt an der Weinstraße, die spontan eine Anzeige zum Beitrag geschaltet haben.

Danke Pfalz!

 

 

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